
Anfisa Letyago ist eine DJ, Produzentin und Sängerin, die am 5. März 1990 in Mirny in Jakutien geboren wurde und einen großen Teil ihres Lebens sowie ihrer künstlerischen Laufbahn mit Neapel verbunden hat. Ihre Musik entwickelte sich aus Techno und House, nahm im Laufe der Zeit jedoch auch Elemente aus Groove, Minimal, Trance, Ambient und elektronischer Popmusik auf. Letyago veröffentlichte auf Intec Digital, Nervous Records, Kompakt, Drumcode, Defected und ihrem eigenen Label N:S:DA (NSDA), arbeitete mit Moby zusammen, produzierte Remixe für Swedish House Mafia und andere bekannte Künstler und trat bei Tomorrowland, Awakenings, Time Warp, Ultra, EXIT sowie in führenden Clubs auf der ganzen Welt auf. 2024 wurde sie bei Billboard Italia Women in Music als DJ of the Year ausgezeichnet.
Anfisa wurde in Sibirien geboren und verbrachte ihre ersten Lebensjahre in der nördlich gelegenen Stadt Mirny. Ihr Vater ist Italiener, später ließ sich die Familie in Neapel nieder. Schon lange bevor sie die Clubkultur für sich entdeckte, entwickelte Letyago eine starke Beziehung zur Musik: Sie hörte Radio über die Stereoanlage ihrer Großmutter, nahm Lieblingsstücke auf Kassetten auf und stellte eigene Musikauswahlen zusammen.
Zu den Künstlern und Bands, die sie in ihrer Kindheit und Jugend begleiteten, gehörten The Prodigy, Massive Attack, Linkin Park, Tiësto und Paul van Dyk. Später wurden auch Aphex Twin, Björk, Moby, Frankie Knuckles und Miss Kittin zu wichtigen Bezugspunkten. Diese große stilistische Bandbreite spiegelte sich später auch in ihrem eigenen musikalischen Ansatz wider. Einen besonderen Einfluss hatte zudem die elektronische Kultur der 1990er-Jahre, auf die Letyago sowohl als Hörerin als auch als DJ immer wieder zurückgriff.
Als Kind nahm Anfisa außerdem Klavierunterricht. Eine professionelle musikalische Ausbildung absolvierte sie zwar nicht, doch die frühe Beschäftigung mit dem Instrument half ihr dabei, ihr musikalisches Gehör und ihr Rhythmusgefühl zu entwickeln.
Neapel und die ersten Schritte als DJ
Der Umzug nach Italien wurde zu einem prägenden Ereignis in Letyagos Leben. Neapel betrachtet sie als ihre Heimat und als jene Stadt, in der sie sich als Künstlerin entwickelte. Der Kontrast zu ihrer Kindheit in Sibirien war enorm: ein anderes Klima, eine ausgeprägte Straßenkultur, Kunst und eine lebendige Clubszene eröffneten ihr eine völlig neue musikalische Welt.
Besonders wichtig war die Techno-Szene Neapels sowie Künstler wie Marco Carola und Gaetano Parisio. Letyago besuchte regelmäßig Partys und begann sich zunehmend nicht nur für die Musik selbst zu interessieren, sondern auch dafür, wie ein DJ die Dynamik auf dem Dancefloor steuern kann.
Mit dem DJing begann sie ungefähr im Jahr 2008. Ihr erstes Setup bestand aus günstigen Pioneer CDJ-100 und einem Mixer. Anfisa übte intensiv zu Hause, nahm Sets auf und spielte sie Freunden vor.
2009 folgte einer ihrer ersten größeren Auftritte im Duel Club in Neapel vor mehr als zweitausend Menschen. Danach spielte sie regelmäßig in Neapel und erhielt später Bookings in Rom, Mailand, Amsterdam, auf Ibiza und in weiteren europäischen Clubzentren.
Der Weg zu eigenen Produktionen
In den ersten Jahren ihrer Karriere war Letyago vor allem DJ und Selektorin. Mit der eigenen Musikproduktion begann sie intensiver, als sie das Bedürfnis verspürte, ihre Sets durch eigenes Material zu ergänzen.
Ihre erste offizielle Veröffentlichung erschien 2016: Der gemeinsam mit Leroy Styles produzierte Track Stop Talking wurde über Spinnin’ Records veröffentlicht. Später erschien ihre Musik auch bei Natura Viva, Nervous Records und weiteren unabhängigen Labels.
Carl Cox und Intec Digital
Eine der wichtigsten professionellen Begegnungen ihrer Karriere war jene mit Carl Cox. 2018 übergab Letyago ihm bei einer Veranstaltung auf Sizilien einen USB-Stick mit eigenen Tracks. Cox begann das Material nahezu unmittelbar in seinen Sets zu spielen und unterstützte Anfisas Musik anschließend regelmäßig.
Einige Monate später bot er ihr an, Musik auf Intec Digital zu veröffentlichen. 2019 erschien dort die So Good EP, während ungefähr zur gleichen Zeit die Bright Lights EP auf Nervous Records und weitere Veröffentlichungen folgten, mit denen sich Letyago endgültig in der internationalen Techno-Szene etablierte.
Carl Cox wurde für sie nicht nur zu einem ihrer ersten prominenten Unterstützer, sondern auch zu einem Mentor. Er lud Anfisa außerdem ein, auf seiner Resistance-Megastructure-Bühne beim Ultra Music Festival Miami aufzutreten. Der Auftritt war ursprünglich für 2020 geplant, fand nach der Absage des Festivals jedoch erst 2022 statt. Letyago war an diesem Festivalwochenende die erste Künstlerin, die in der Megastructure auftrat.
N:S:DA und eine neue kreative Phase
Die COVID-19-Pandemie unterbrach Letyagos dichtes Tourprogramm und gab ihr die Möglichkeit, sich stärker auf die Studioarbeit zu konzentrieren. Daraus entstand unter anderem ihr eigenes Label N:S:DA, das auch in der Schreibweise NSDA verwendet wird.
Der Name bezieht sich auf die Insel Nisida im Golf von Neapel. Für Anfisa wurde sie zu einem wichtigen Symbol für die Stadt und deren weniger sichtbare Seite — die kleine Vulkaninsel ist zugleich ein Naturort und ein Gebiet mit komplexer Geschichte.
N:S:DA war von Anfang an nicht als Label für ein einziges Genre gedacht, sondern als Plattform für Musik mit einer eigenen Geschichte und einer klaren künstlerischen Idee. Die erste größere Veröffentlichung dieser neuen Phase war die Listen EP, die im Januar 2021 erschien.
Sie enthält Listen, Orizzonte, Deep Water und Gravity. Im Vergleich zu ihren früheren Club-Releases wurde der Sound tiefer und räumlicher: Techno verband sich mit House-Rhythmen, Dub-Akkorden, Ambient-Texturen und einem minimalistischen Einsatz der Stimme.
Darauf folgte die Nisida EP. Später wurden Stücke aus beiden Veröffentlichungen unter anderem von Chris Liebing, Calibre und DJ Seinfeld neu interpretiert.
Cercle, Haze und Rosso Profondo
Zu den auffälligsten Auftritten dieser Phase gehörte ihr Cercle-Set, das 2021 an der historischen Saluting Battery auf Malta aufgenommen wurde. Zu hören waren sowohl eigene Stücke von Letyago wie Gravity, Nisida und das eigens dafür produzierte Saluting Battery als auch Musik anderer Vertreter der zeitgenössischen Techno-Szene.
Die Aufnahme verbreitete sich stark im Internet und wurde zu einem jener Auftritte, die Anfisas internationale Reichweite deutlich vergrößerten.
2022 erschien Haze. Der Track markierte einen wichtigen Schritt in der Entwicklung ihres eigenen Umgangs mit Gesang: Ihre Stimme fungiert hier nicht als klassische Song-Vocal, sondern als Teil der Atmosphäre und des rhythmischen Gefüges. Der Club Mix verstärkte zusätzlich die Trance-Komponente des Stücks.
Im selben Jahr erschien auf Factory 93 Records Rosso Profondo, das zu einem ihrer bekanntesten Clubtracks wurde. Grundlage sind ein zyklischer Groove, eine dichte Bassline und eine kontinuierlich steigende Spannung, ohne dabei auf eine übermäßig harte Industrial-Attacke zu setzen.
Zusammenarbeit mit Moby
Einen besonderen Platz in Letyagos Karriere nimmt die Zusammenarbeit mit Moby ein, dessen Musik sie bereits lange vor Beginn ihrer eigenen professionellen Laufbahn hörte.
Am 21. Januar 2022 erschien ihr offizieller Remix von Mobys Klassiker Go. Letyago überführte den Track in einen modernen Clubkontext, bewahrte dabei jedoch die charakteristischen Elemente des Originals.
Die Zusammenarbeit wurde 2024 mit dem gemeinsamen Track You & Me auf Defected fortgesetzt. Anfisa war am Songwriting und an der Produktion beteiligt und nahm außerdem den Gesang auf.
Für Moby war es die erste Originalveröffentlichung auf Defected. Neben der Hauptversion erschienen Remixe von Deetron, Girls Of The Internet, Moby selbst und später auch von SG Lewis.
BBC Radio 1 und die internationale Bühne
Mit wachsender Bekanntheit war Anfisa regelmäßig bei BBC Radio 1 zu hören. Sie nahm am Radio 1 Residency-Programm teil und veröffentlichte im April 2023 ihren eigenen zweistündigen Essential Mix.
Zu diesem Zeitpunkt umfasste ihr Tourkalender bereits Awakenings, Time Warp, Tomorrowland, EXIT, Drumcode Festival, Ultra sowie zahlreiche Clubs in Europa, den USA und anderen Regionen.
Letyagos Sets verändern sich deutlich je nach Veranstaltungsort. Auf großen Festivalbühnen setzt sie stärker auf direkte Rhythmik und große energetische Übergänge, während ihre Clubsets häufiger minimalistischere, hypnotische und tiefere Tracks enthalten.
Babylonia und ParteNope
Im März 2023 erschien auf N:S:DA die sechs Tracks umfassende Veröffentlichung Babylonia, die unter Beteiligung des Projekts ParteNope entstand. Dabei handelt es sich nicht um eine reine Solo-EP von Anfisa: Der größte Teil des Materials stammt von ParteNope.
Letyago ist am Opener Perzechella beteiligt, der gemeinsam mit ParteNope entstand, und steuerte außerdem ihren eigenen Track Danza bei.
Die Veröffentlichung zeigte eine weitere Seite des N:S:DA-Katalogs: Neben Techno traten hier auch Psytrance-Elemente und experimentellere elektronische Sounds stärker hervor.
Remix für Swedish House Mafia
Im September 2023 luden Swedish House Mafia Letyago dazu ein, einen Remix von Ray Of Solar zu produzieren. Ihre Version war der am stärksten auf Techno ausgerichtete Teil des offiziellen Remix-Pakets: Die charakteristische Chor-Melodie des Originals wurde auf eine härtere rhythmische Basis und ein höheres Clubtempo übertragen.
Der Remix bestätigte erneut, dass Letyago zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr ausschließlich innerhalb des traditionellen Techno-Kreises arbeitete, sondern zunehmend an der Schnittstelle zwischen Underground und großer internationaler Elektronikszene.
Feelin’, Origami und noted.
2024 wurde Anfisa eine der ersten Künstlerinnen bei noted. records, der auf elektronische Musik spezialisierten Sparte von Sony Music Entertainment Germany.
Die erste Veröffentlichung dort war Feelin’. Letyagos eigener Gesang rückt hier deutlich ins Zentrum und steht gleichberechtigt neben dem rhythmischen Fundament des Tracks.
Darauf folgte Origami. Sowohl die Original- als auch die Extended-Version zeigen einen für diese Phase typischen Ansatz: Techno-Rhythmik trifft auf Trance, elektronische Popmusik und eine ausgeprägtere Song-Melodik.
Diese Entwicklung bedeutete keinen Abschied von der Clubmusik. Vielmehr begann Letyago, Techno zunehmend als Fundament zu nutzen, auf dem sie frei mit Gesang, Melodik und experimentelleren Ideen arbeiten konnte.
Partenope und das audiovisuelle Konzept
Ein weiterer wichtiger Bereich ihrer Arbeit wurde Partenope — eine audiovisuelle Show, die von Neapel und der mythologischen Geschichte der Sirene Parthenope inspiriert ist, mit der die Entstehung der Stadt in Verbindung gebracht wird.
Das Konzept verbindet Letyagos Musik mit Bildern des Meeres, antiker Mythologie und moderner neapolitanischer Kultur. Ihre Verbindung zu Neapel wurde damit von einer biografischen Information zu einem vollwertigen Bestandteil ihrer künstlerischen Sprache.
Bubbledance
Am 27. Juni 2025 veröffentlichte noted. records die vier Tracks umfassende Bubbledance EP. Enthalten sind Who I Am, Magic Whales, The Bubble Dance und Partenope.
Letyago arbeitete rund zwei Jahre an dem Material. Darin verbinden sich Techno und Trance mit luftigen Melodien, verspielten Synthesizer-Klangfarben und ihrem eigenen Gesang. Im Unterschied zu den stärker funktionalen Clubproduktionen ihrer frühen Phase basiert Bubbledance auf einem einheitlichen bildhaften Konzept rund um Wasser, Meer und Mythologie.
Besonders deutlich wird dies im Track Partenope, der direkt mit dem gleichnamigen audiovisuellen Projekt verbunden ist.
Im Juli 2025 erschien auf ihrem eigenen Label NSDA außerdem In My Arms. Der Track verbindet klassische Trance-Anklänge mit Club-Techno und Anfisas weichem Gesang.
Die Entwicklung von NSDA
Mit der Zeit entwickelte sich NSDA von einer Plattform für Letyagos eigene Musik zu einem Label für weitere Künstler. Im Katalog erschienen Veröffentlichungen von Durosai, Hoymans, Sole Dosi, Keira Meier und anderen.
Die Auswahl der Releases folgt weiterhin dem ursprünglichen Grundsatz des Labels: Das Genre ist weniger wichtig als die Idee und der emotionale Gehalt. Deshalb können neben Techno auch Ambient, House, Trance, Breaks und experimentelle Elektronik erscheinen.
Im September 2026 veröffentlichte NSDA die The Third Man EP des britischen Produzenten Nathan Alexander. Die EP enthält drei Originaltracks von ihm, während Letyago einen Remix des Titelstücks beisteuerte. Die Veröffentlichung ist besonders interessant als Beispiel dafür, dass sie inzwischen nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Kuratorin ihres eigenen Labels arbeitet.
Musikalischer Stil
Anfisa Letyago beschreibt ihren eigenen Sound meist als Groovy Techno. Entscheidend ist für sie weniger maximale Härte als vielmehr die Bewegung des Rhythmus und das Zusammenspiel der einzelnen Elemente innerhalb des Grooves.
Die Kickdrum ist in ihren Tracks meist druckvoll, wird jedoch nur selten zum alleinigen Mittelpunkt der Komposition. Bewegliche Basslines, kurze Synthesizer-Motive, Vocal-Fragmente, räumliche Effekte und Pausen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Ihre frühen Produktionen stehen deutlich näher an Club-Techno und House. Das Material aus der Listen- und Nisida-Phase wurde tiefer und atmosphärischer, anschließend nahmen Trance-Einflüsse und ihr eigener Gesang stärker zu. Spätere Projekte zeigten schließlich ein wachsendes Interesse an elektronischer Popmusik und konzeptioneller audiovisueller Kunst.
Gleichzeitig bleibt die elektronische Musik der 1990er-Jahre eine wichtige Inspirationsquelle. Ihr Einfluss zeigt sich in Rave-Akkorden, Trance-Melodien, kurzen Vocal-Hooks und in Letyagos Bestreben, Clubfunktionalität mit emotionaler Tiefe zu verbinden.
Stil auf der Bühne
Letyago ist für eine aktive und emotionale Art des Auflegens bekannt. Sie steht in ständigem Austausch mit dem Publikum, bewegt sich hinter den Decks und versteht ein DJ-Set als direkte Form der Kommunikation mit dem Dancefloor.
Hinter der scheinbaren Leichtigkeit steckt ein technisch anspruchsvoller Ansatz. Anfisa arbeitet mit mehreren Playern, Effekten und schnellen Übergängen, wodurch sie Elemente verschiedener Tracks übereinanderlegen und die Richtung eines Sets ohne lange Unterbrechungen verändern kann.
Gerade die Verbindung aus Erfahrung als Selektorin und dem Denken einer Produzentin ermöglicht es ihr, sich sowohl in einem klassischen Techno-Kontext als auch neben Künstlern aus House, Trance und der breiteren elektronischen Szene selbstverständlich zu bewegen.
Diskografie
Wichtige EPs und größere Veröffentlichungen
- Bright Lights EP — 2019
- So Good EP — 2019
- Listen EP — 2021
- Nisida — 2021
- Haze — 2022
- Babylonia — 2023, Anfisa Letyago & ParteNope
- Bubbledance EP — 2025
- TUNEL — 2025, Unfinished Portraits feat. Anfisa Letyago
Anfisa Letyagos Karriere entwickelte sich von der lokalen Clubszene Neapels und jahrelanger DJ-Erfahrung hin zu einem eigenen Label, internationalen Festivalauftritten, eigenen Vocals und audiovisuellen Projekten. Trotz aller Veränderungen sind mehrere Merkmale in ihrer Musik konstant geblieben: der Fokus auf Groove, die Faszination für die elektronische Kultur der 1990er-Jahre, eine ausgeprägte melodische Sensibilität und der Wunsch, sich nicht auf eine einzige Form von Techno festlegen zu lassen.
